Carpe diem – eine ökonomische Perspektive.
Wolter, M. I. (2025): Carpe diem – eine ökonomische Perspektive. Von verpflichtendem Ehrenamt bis zur verlängerten Lebensarbeitszeit – Zeit als ein gesellschaftlicher Druckpunkt. GWS-Kurzmitteilung 8/2025, Osnabrück.Abstract
In das Modell INFORGE werden die Ergebnisse der Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes integriert und erste Projektionen für die Jahre bis 2030 vorgenommen. Dabei ergibt das Modellexperiment:
- Es gibt kein Quidproquo: Werden Nicht-Erwerbstätige zu Erwerbstätigen, braucht es weitere Erwerbstätige, die die wegfallende Haushalts- und Betreuungszeiten der Nicht-Erwerbstätigen kompensieren. Das gilt sowohl für die Betreuung von Kindern (so auch Zika et al. 2024) als auch von Älteren.
- Es zeigen sich Konfliktfelder: Die steigende Arbeitszeit trifft mit steigenden Betreuungszeiten und steigender Nachfrage nach Freizeit zusammen. Diese Trends werden nicht gleichgerichtet weiterlaufen können.
- Widersprüche: Die Förderung von Freizeitaktivitäten (Sport, Gaming, Tourismus) bei der gleichzeitigen Förderung von Erwerbstätigkeit könnten zu entgegengesetzten Wirkungen führen. Mehr Erwerbstätigkeit ist mit weniger Zeit für Hobby und Sport verbunden und umgekehrt.
- Lohnsteigerungen vielleicht keine Lösung: Steigende Löhne stehen in der Regel für eine steigende Erwerbsneigung und längere Arbeitszeiten. Für einige Erwerbstätige mag aber genau das Gegenteilige eintreten: Work-Life-Balance mag bei Personen mit hohen Einkommen eher zu mehr Freizeit führen.
- Mehr Arbeit, weniger Konsum? In der Regel gilt: mehr Arbeit, mehr Lohneinkommen, mehr Konsum. Das muss so nicht sein: Höhere Erwerbsneigung und höhere Arbeitszeiten vermindern die freie Zeit: Fast 50 % der Tageszeit ist durch Regeneration gebunden, d. h. höhere Arbeitszeit geht nahezu vollständig zulasten der Freizeitaktivitäten. Für Freizeitdienstleistungen mag die Zeit dann fehlen.
- Weniger Bildungszeit: Bildung (Schule, Hochschulen, Weiterbildung) liegt vor allem im Zeitbudget der Kinder, deren Zahl deutlich schrumpft. Die Folge ist, dass die durchschnittliche Bildungszeit stärker schrumpft als die Bevölkerung. Nur Weiterbildung der Erwerbstätigen kann diese Entwicklung zeitmäßig kompensieren.
- Demografischer Wandel erhöht den Zeitdruck: Die demografische Entwicklung ist der Treiber: Die Aktivitäten Arbeit, Bildung sowie Haushalt & Betreuung zeigen das.
- Politik kann helfen: Bürokratieabbau mit dem Ziel, Arbeitsprozesse für die eigenen Angestellten, für Bürger:innen sowie Unternehmen zu vermeiden und Zeit zu sparen
- Man kann selbst was tun: Sowohl Unternehmen und Haushalte helfen sich, wenn Arbeitsprozesse oder häusliche Routinen geprüft werden. Bei den privaten Haushalten ist dies bereits sichtbar: Lieferdienste jeder Art nehmen zu. Ob die Arbeitsbedingungen der dort Arbeitenden gut sind und ob damit aus einer gesellschaftlichen Sicht Zeit gespart wird, bleibt aber hier offen.
- Was kann noch helfen? Wie immer ist auch hier die Digitalisierung ein Mittel der Wahl. Kein Anstehen, kein Ausfüllen, kein Abheften und automatische Prüfungssysteme sparen Zeit. Hinzukommen kann Professionalisierung: Selbermachen ist für Staat, Unternehmen und Haushalte nicht immer zeitschonend.
Das ist nur ein erster Blick. Die Gruppen der Erwerbstätigen (z. B. Frauen und Männer) und der Nicht-Erwerbstätigen (Ruhestand, Arbeitslosigkeit und übrige) würden den Blick weiten. Zudem bedarf es einer Verbesserung der Datenbasis, die allein mit der Erhebung der Zeitverwendung des Statistischen Bundesamtes (alle zehn Jahre) in turbulenten Zeiten zu wenig Beobachtung ergibt.
