Unsere Zahl des Monats 06/2020: Wenn gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen wegfallen: Kita geschlossen – wen trifft’s?

Erwerbstätige Eltern in Ostdeutschland potenziell stark betroffen

Kinder sind besonders von den Einschränkungen durch die Coronavirus-Pandemie betroffen und ebenso die erwerbstätigen Eltern, die die Betreuung nun anders organisieren müssen. Durch die Schließung von Kindertagesstätten (Kita) im Zuge der Anti-Coronavirus-Maßnahmen bricht die reguläre Betreuung von Krippenkindern und Kindergartenkindern weg. Die Politik hat drastische Maßnahmen erlassen. Notbetreuungen werden von den Bundesländern für Eltern bestimmter Berufgruppen angeboten, aber viele Eltern müssen eigene Lösungen finden. Wo besuchen regulär besonders viele kleine Kinder Tageseinrichtungen? Und wo sind geichzeitig besonders viele Menschen erwerbstätig?

Gemäß aktueller Zahlen des Statistischen Bundesamtes besuchten zum Stichtag 1. März 2019 rund 700 000 Kinder unter 3 Jahren und gut 2,1 Millionen Kinder im Alter von 3 bis unter 6 Jahren entsprechende Tageseinrichtungen. In Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Land, sind im Ländervergleich auch die meisten Kita-Kinder anzutreffen, wie in der Abbildung zu sehen ist. Die Zahl der unter 3-Jährigen, die Tageseinrichtungen besuchen, ist allerdings in Bayern sogar noch etwas größer als in Nordrhein-Westfalen. Nach Nordrhein-Westfalen und Bayern sind in Baden-Würrtemberg und Niedersachsen relativ viele Kinder unter 6 Jahren in Tageseinrichtungen betreut. In Bremen und im Saarland sind die Zahlen, wie auch die der Bevölkerung insgesamt, im Vergleich am geringsten.

Aus Ergebnissen des Mikrozensus wissen wir, dass in Deutschland 2018 in den meisten Familien mit Minderjährigen beide Elternteile erwerbstätig sind (67,2 %). In den neuen Bundesländern sind es sogar 73,8 %. Dass beide Elternteile vollzeittätig sind, ist in Deutschland bei 26,5 % der Fall. Meistens, in 70,2 % der Fälle, arbeitet ein Elternteil in Vollzeit und das andere in Teilzeit.

Gemessen an der Zahl der Erwerbstätigen liegt der Anteil der in Tageseinrichten betreuten Kinder unter 6 Jahren im Bundesdurchschnitt bei 6,2 % (rote Linie in der Abbildung). Auf 100 Erwerbstätige kommen also rechnerisch rund sechs kleine Kinder, die regulär in Tageseinrichtungen betreut werden. Vor allem in Brandenburg und Sachsen-Anhalt ist der Anteil mit über 8 % vergleichsweise hoch. Generell fällt auf, dass die Anteile in den neuen Bundesländern über dem Durchschnitt liegen, was allerdings angesichts der relativ hohen Erwerbstätigenquote der Eltern in den neuen Bundesländern nicht verwundert. In Bremen, im Saarland und in Bayern sind die Anteile der Kinder unter 6 Jahren an den Erwerbstätigen vergleichweise gering. So gesehen sind v. a. Politik und Eltern in den neuen Bundesländern gefordert, Lösungen zu finden.

Auch Erzieher*innen sind stark von den Maßnahmen betroffen. Sie können ihren Beruf nicht wie gewohnt ausüben und müssen die neuen Vorgaben zur Wiedereröffnung unter strengen Hygiene-Standards umsetzen. Da sie gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen bereitstellen, sind sie Teil jener Berufsgruppen, die im Projekt „Gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen sicherstellen: Ist Arbeit am Gemeinwohl attraktiv?“ (GenDis) im Fokus stehen. Das Projekt wird seit November 2019 vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI), dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und der GWS durchgeführt. Es widmet sich der Problematik, dass die Arbeit am Gemeinwohl in den letzten Jahren an Attraktivität verloren hat, was die Bereitstellung notwendiger Dienstleistungen gefährdet. Finanziert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Die jüngst erschienene Kurzmitteilung "Gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen sicherstellen. Damit wir krisenfest bleiben – in Zeiten des Coronavirus und danach." bietet einen Überblick über das Thema.

Weitere Beiträge der Serie „Zahl des Monats“ finden Sie hier.

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